See-Gang

Mit See-Gang bezeichnen wir die Fähigkeit, sich an die Bewegungen, die ein Schiff macht,  an zu passen. In der Berufsschiffahrt spricht man von "Seefest sein". Einerseits wird der Körper dabei in die Lage versetzt Bewegungen ausgleichen zu können. Anderseits stellt das Gehirn sich dahingehend um, dass es nur noch relevante Daten zur Bestimmung der Lage im Raum und zum Gleichgewicht, heranzieht. Dadurch ergibt sich ein stabiles Bild der Wirklichkeit, das mit der Umgebung überein stimmt. Das Gehirn erzeugt dabei, mit Hilfe der Schwerkraft, quasi eine Art künstlichen Horizont, der für die Orientierung im Raum zwingend notwendig ist. Das ist vor allem dann wichtig, wenn die Augen keinen Anhaltspunkt mehr haben und den echten Horizont nicht sehen können. Diese Rechenvorgänge im Gehirn sind hochkomplex, beanspruchen das Nervensystem dabei erheblich und sind eben leider auch anfällig für Störungen. 

 

Bei einigen Menschen passiert das Umschalten auf See-Gang sofort, wenn sie ein sich bewegendes Schiff betreten, sie haben den Umschaltprozess unbewusst gelernt und gespeichert. Bei Anderen findet dieses Umschalten erst nach einiger Zeit statt, sie sind dann oft mehrere Tage lang seekrank bevor der Anpassungsprozess abgeschlossen ist. Einige Menschen schaffen es ohne Hilfe gar nicht diese Anpassung vor zu nehmen, sie werden seekrank und leiden immens darunter. 

Menschen, die schon mal stark seekrank waren, können dadurch traumatisiert sein und werden es in Zukunft vermeiden sich wieder in eine ähnliche Situation zu bringen:

"Ab 5 Windstärken fahren wir nicht raus. Bei achterlicher Welle warten wir einen Tag. Oh je, Morgen geht es los, schnell noch mal die Wellensituation checken."

 

Dieser Umstand verhindert bei vielen auch, dass sie sich mit dem Thema Seekrankheit auseinander setzten wollen. Berufsseeleute müssen diesen Sprung wagen, da die Alternative währe den Beruf aufzugeben.

 


Die Therapie

Das Ziel der Therapie ist es aktiv den See-Gang zu erlernen, dieses neue Verhalten als Modus zu speichern und es so bewusst jederzeit abrufen zu können. Wesentlich dabei ist es zu lernen, die Schwerkraft als Referenz wahrnehmen zu können. Die Schwerkraft kann auch als innere Mitte bezeichnet werden, die es gild wahrzunehmen. 

Dafür ist es wichtig die Prozesse bewusst zu machen, das Prinzip des  See-Gang zu verstehen um ihn dann praktisch zu erlernen und anzuwenden. 

 

Die Therapie besteht aus mehreren Teilen:

  • Nach einer Einführung, können die Teilnehmenden von ihren Erfahrungen mit der Seekrankheit berichten um ein einheitliches Bild zu schaffen, auf das wir später zurückgreifen können. 
  • Im zweiten Schritt wird die Seekrankheit ausführlich dargestellt und der Anpassungsprozess wird bewusst gemacht.
  • Dann wird die Wahrnehmung so trainiert das sie auf die Schwerkraft als Referenz zurückgreift und nicht mehr auf die Augen. Wie Piloten den künstlichen Horizont in Form eines Instruments brauchen, erschaffen wir quasi einen inneren Horizont über die Schwerkraft, um damit den See-Gang vorzubereiten. Dieser Teil und der folgende geschieht auf Balance-Brettern.
  • Das Bewegungsmuster des Körpers wird so verändert, das er in der Lage ist, sich Bewegungen der Unterlage anzupassen. Der See-Gang entsteht.
  • Als letztes werden die Erfahrungen so gespeichert (ankern), das sie jederzeit wieder abrufbar sind.

Die Therapie dauert etwa 4 Stunden und findet im Trockenen statt (also nicht auf einem Boot). Das Gelernte muss nach der Therapie so schnell wie möglich auf einem Boot/ Schiff aktiviert werden um die Speicherung durch eine aktive und lebensnahe Erfahrung zu festigen. 

 

In einigen Ausnahmefällen kann es nötig sein,  Einzelstunden in Anspruch zu nehmen. Zum Beispiel bei Traumatisierungen oder auch bei Personen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht, an offenen Gruppentherapien teilnehmen wollen/ können.  

 

 

Der seefeste Seefahrer, hält seinen künstlichen Horizont, er bleibt im Sinner der Schwerkraft immer gerade.

Ein Mythos

Jeder Mensch weiß, das man entweder Seekrank wird oder nicht. Die Einen haben Glück, die Anderen eben Pech. 

Aber genau das stimmt nicht und fast alle Seefahrenden wissen das. Auch erfahrende Seefahrende können nach längerem Landaufenthalt seekrank werden, wenn sie wieder an Bord gehen. Das gibt sich dann meistens nach ein paar Tagen. Hier stellt sich also etwas um, sie passen sich an. Diese Anpassung findet unbewusst statt und dennoch ist sie hochwirksam. 

Der Mythos, dass man entweder Seekrank wird oder nicht, kann somit begraben werden. 

Und das eröffnet eben die Möglichkeit diesen Prozess bewusst durch zu führen.  

Unter gestandenen Berufsseeleuten, scheint es eine Art Initiationsritus zu geben der besagt, dass "Man" da durch muss. "Erst wenn du durch die Seekrankheit durch bist , bist du ein echter Seemann." Auch dieser Mythos sollte begraben werden. Er lässt viel Berufsanfänger unnötig leiden und beendet oft Seefahrer-karieren, bevor sie richtig angefangen haben.

 

 

 

   

Auch Vögel müssen den künstlichen Horizont halten, sonst verlieren sie die Orientierung. Dabei ist meist der Kopf gerade zum echten Horizont.




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